"Kinder verstehen" Vortrag von Dr. Renz-Polster – Meine Zusammenfassung

Am 3.Dezember 2019 war Dr. Renz-Polster im Rathaus Kassel zu Gast und hat einen total spannenden Vortrag gehalten. Ich war dort und wurde gebeten, dazu eine Zusammenfassung zu schreiben. Hier ist sie für euch, viel Spaß beim Lesen!

Von unseren Kindern wird so schnell wie möglich erwartet, dass sie selbständig werden -müssen-. Sie sollen allein schlafen lernen, sollen alles essen oder zumindest alles probieren und so früh wie möglich sauber werden. Dass dies nach und nach in ihrer Entwicklung von selbst passiert, aber nicht erzwungen werden kann, erklärt Dr. Renz-Polster anhand vieler evolutionärer Fakten in seinem Vortrag. Ein schöner, prägender Satz des ganzen war: „Hier bin ich sicher, hier bin ich zuhause, hier darf ich sein“. Sein Vortrag handelte von den zwei wichtigen Themen Schlaf und Essen.

Schlaf

Erwachsene Menschen sind tagsüber dazu getrimmt, immer Leistung zu erbringen um ein Ziel zu erreichen. Je mehr Ziele erreicht werden sollen, umso mehr Leistung muss erbracht werden und um so höher steigt die Anspannung im Menschen. Jeder kennt dann die Situation abends im Bett nach einem anstrengenden Tag: Man ist weiterhin auf Leistung getrimmt und angespannt und möchte sich als Ziel setzen, einzuschlafen. Doch in der Situation des Schlafens klappt dies nicht durch Leistung. Man ist angespannt und kann nicht einschlafen, denn:

Das Einschlafen kann nur funktionieren, wenn man sich entspannen kann.

In heutiger Zeit wird vorgegeben, dass Kinder auch Leistungen erbringen „müssen“ um möglichst schnell selbständig werden und verschiedene Ziele „allein“ erreichen zu können. Dazu gehört unter anderem auch das selbständige Einschlafen & Durchschlafen

Unsere Babys kamen und kommen nicht komplett selbständig auf die Welt und brauchen Personen, die für ihren Schutz und Sicherheit sorgen. Sie müssen getragen, gestillt/gefüttert werden und brauchen eine sichere Umgebung und verlässliche Bezugspersonen, vor allem für den Schlaf. Der Schlaf von Babys ist beabsichtigt mit mehreren Wachphasen geplant.

Mein Kind lässt sich nicht ablegen – Emotionales Gummi

Beim Ablegen des Kindes wird das Bindungssystem aktiviert, was sich wie ein emotionales Gummi beschreiben lässt. Manches ist dünner und dehnbarer, manches ist dicker und unflexibler. Dies macht sich bemerkbar, sobald sich eine Bezugsperson entfernt – das Kind schreit. Die einzige Kommunikationsmöglichkeit soll uns daran erinnern, dass wir das Baby nicht einfach irgendwo vergessen – eine evolutionäre Verankerung um vor dem damals sicheren Raubtier-Tod gerettet zu werden.

Auch bei Auskundschaften neuer Umgebung, ungewohnten Situationen usw. zeigt sich das emotionale Gummi, oft am „Kleben“ des Kindes und Schüchternheit zu beginn. Es braucht das Gefühl von Sicherheit, was die Bezugsperson dem Kind aussenden sollte, um die Spannung aus der neuen Situation zu nehmen.

Schlaf in der Evolution

Unsere Vorfahren, die Steinzeit/Höhlenmenschen, brauchten zum Schlafen sichere Orte, die vor Gefahren schützen. Daher haben sie zu Beginn der Niederlassung an neue Orte erst die Gegend abgecheckt und wenn Sie sich sicher fühlten, ihr Lager aufgeschlagen. Erst dann konnten sie entspannen.

Überlegt man, wie die Steinzeitmenschen gelebt haben, hätten Sie damals den sicheren Tod des Kindes garantiert, wenn sie es einfach ganz allein in eine dunkle Ecke abgelegt hätten, ohne Aufsicht. Denn jedes Raubtier hätte sich darüber hergemacht.

Warum werden Babys/Kinder nachts öfter wach?

  • Gehirnentwicklung passiert vorwiegend nachts. Dazu werden Nährstoffe wie Zucker gebraucht. Diese werden vorallem in den ersten 6 Monaten über Muttermilch oder Ersatznahrung aufgenommen. Danach hilft ein kleiner stärkehaltiger Snack.
  • Aktivierung des Bindungssystems. Abchecken ob die Bezugspersonen da sind. Vermitteln von Sicherheit.

Für Sicherheit sorgen

Sorgt die Bezugsperson des Kindes für eine sichere Umgebung und kann das Kind diese Sicherheit spüren, kann es sich entspannen, wohlfühlen und wird mutiger in seinen Aktivitäten. Das bedeutet, bei Vermittlung von Sicherheit kann das emotionale Gummi dünner und dehnbarer werden.

Das Vermitteln von Sicherheit lässt das Kind selbständiger werden und mutiger in neue Situationen gehen, nicht der Entzug der Bindungsperson. Das Kind kehrt zu seiner Bezugsperson zurück um nach Entdeckungstouren neue Kraft zu sammeln und wieder ein Stück mutiger zu werden und weiter zu gehen.

Durch (unangekündigtes oder unbegründetes) Verlassen des Raumes (wann auch immer) wird die Bindung und das Vertrauen beeinträchtigt und es wird keine Selbständigkeit erzielt.

Was braucht man also zum schlafen?

  • Warm, Satt, Müde
  • Bindungsperson
  • Sicherheit
  • Entspannung

Fazit:

Schlafen wir nicht alle besser und entspannter ein und durch, neben einer Person, die man liebt?

Schlaf = Entspannung = Sicherheit

Essen

Wichtige Zeichen, dass das Kind bereit ist mehr als nur Muttermilch zu sich zu nehmen nennt man

Beikostreifezeichen:

  • Zungenstoßreflex ist nicht mehr vorhanden
  • Kopf- und Rumpfkontrolle bzw. kurzes Stützen in aufrechter Haltung möglich
  • Hand-Mundkoordination vorhanden
  • Nachahmen von Kaubewegungen
  • Interesse am Essen am Familientisch

Es ist erwiesen, dass Kinder oft auf Lebensmittel zurückgreifen, die sie schon aus der Schwangerschaft und Stillzeit der Mutter (am Geschmack wieder er-)kennen. Das fällt darauf zurück, dass verschiedene Bestandteile der Nahrung der Mutter in Fruchtwasser und Muttermilch zum Kind gelangen.

Essen in der Evolution

In der Steinzeit mussten sich die Menschen sehr präzise mit dem vorhandenen Angebot an Nahrungsmitteln auskennen um Vergiftungen zu vermeiden. Ein Griff zur falschen Beere oder unreifen Frucht bedeutete den Tod. Dies ist noch so in unseren Kindern verankert, denn die wenigsten möchten neues allein oder zuerst probieren.

Mein Kind isst kein Gemüse

Bis vor ein paar Hunderten von Jahren gab es nicht so eine breit gefächerte Auswahl an Gemüsesorten, wie es heute der Fall ist. Viele wurden erst herangezüchtet, damit sie überhaupt für uns Menschen in dem Maße genießbar waren. In manchen damals schon bewohnten Regionen der Erde gab es sogar gar keine Möglichkeiten, Gemüse oder Obst zu kultivieren (Antarktis).

In Untersuchungen von Kindern aus verschiedenen Regionen der Erde fand man heraus, dass Kinder, die in einer Region lebten, wie zB der Antarktis, wo kein Gemüseanbau möglich war und sich nur von anderen Lebensmitteln ernährten, keinerlei Beeinträchtigungen hatten zu den anderen Kindern.

Hier kann man sehen, dass sich die Lebensbedingungen perfekt anpassen lassen.

Ab einem Alter von ca. 2 Jahren beginnen die meisten Kinder allerdings mit neuen Nahrungsmitteln sehr vorsichtig zu sein und prüfen ihr Essen ganz genau. Sie probieren vor allem ungern grünes Gemüse und Bitteres. Das ist ein Schutzschild, was auch noch durch die Evolution in ihnen verankert war, denn grünes und bitteres birgt die Gefahr der Vergiftung durch Unreife oder Giftstoffe.

Supertaster

25-30% aller Kinder haben eine Überempfindlichkeit gegen Bittere Geschmacksrichtungen, hier sind die Rezeptoren auf der Zunge gegen Bitteres erhöht. Diese Kinder nennt man Supertaster.

Essen lernen

Kinder lernen das Essen durch ihre Vorbilder – die Eltern. Wenn diese am Tisch genüsslich zugreifen, dann haben unsere Kinder auch Vertrauen darin, dass die Nahrungsaufnahme sicher ist und sie essen können.

Wir als Erwachsene haben eine Vorbildfunktion, das heißt, wenn wir ihnen ehrlich und sicher vermitteln wie lecker unser Essen schmeckt, dann nehmen Kinder das eher an, als wenn wir nur mit falscher Begeisterung dabei wären. Die positiven Gefühle und positiven Erfahrungen beim Essen helfen unseren Kindern dabei, Spaß am Essen zu haben.

Die Kinder lieben es auch, dem Alter entsprechend beim Essen zubereiten mitzumachen. Dabei benutzen sie ihre Sinne:  Riechen, fühlen, Abbeißen, Analysieren des Geschmacks.

Fazit

Essen = Entspannung = Vertrauen/Sicherheit

Diese Themen wurden in dem Vortrag angerissen und sind in dem Buch von Dr. Renz-Polster „Kinder verstehen“ noch ausführlicher und wirklich detailliert beschrieben!

Danke fürs lesen, eure Katharina!

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